Familie du Ry

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Die Baumeister der aus Frankreich stammenden Familie du Ry haben das landgräfliche Kassel wesentlich gestaltet.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft

Die du Rys stammen aus einer hugenottischen Flüchtlingsfamilie, die, wie viele andere Hugenotten, auf Grund des Edikts von Fontainebleau (1685) von Ludwig XIV., welches das Toleranzedikts von Nantes (1598) aufhob, aus ihrer französischen Heimat geflohen waren. Viele von ihnen wurden von dem hessischen Landgrafen Carl wegen der wirtschaftlichen Vorteile aufgenommen.

Paul du Ry

Paul du Ry (auch: Jean Paul Du Ry), geboren in Paris im Jahre 1640, gestorben in Kassel am 21. 6. 1714, wurde als Sohn des Pariser Hofarchitekten Mathurin du Ry geboren und kam schon früh mit 25 Jahren als Glaubensflüchtling in die Niederlande.

Nach Bautätigkeiten in den Niederlanden (Festungsbau) kam er im Jahre 1685 nach Kassel, wo er ab dem 1. Oktober 1685 für Landgraf Karl (1677-1730) tätig war. In dieser Funktion war er zunächst unter Hofbaumeister Wessel am Kaskadenbau am Carlsberg (heute Wilhelmshöhe) tätig; dann übernahm er als "Französischer Baumeister" u. a. die Bauleitung der Orte Carlsdorf, Kelze und Schöneberg, heute Stadtteile von Hofgeismar und Mariendorf heute Stadtteil von Immenhausen, wo hugenottische Glaubensflüchtlinge angesiedelt wurden. Seinem planerischen Wirken wird beispielsweise auch die sehenswerte Hugenottenkirche in Carlsdorf zugeschrieben, die dort in den Jahren 1699 - 1704 entstand.

In Kassel wurde ihm die Ausführung der Oberneustadt übertragen, deren regelmäßige Planung seitens des Hofbauamtes sich stark von der bisherigen Stadt unterschied. Von dem bürgerlichen schlichten, aber vornehmen Barockstil französisch/niederländischer Prägung ist im heutigen Kassel nur noch wenig zu sehen.

Neben seinem planerischen Wirken bei den Anfängen der Oberneustadt war er auch für die Bauleitung der Karlskirche verantwortlich.

Charles du Ry

Charles du Ry (1692-1757), Sohn von Paul du Ry, übernahm den weiteren Ausbau des neuen Stadtteils, der Oberneustadt durch die Erstellung weiterer Gebäude: beispielsweise stammte von ihm wahrscheinlich das Palais des Prinzen Maximilian, das durch seinen Sohn, Simon Louis (s.u.), zum Opernhaus umgestaltet wirde (heute steht hier der Kaufhof).

Auch Häuser für Bürgertum (z.B. Fabrikanten) und Adel und Gebäude für Behörden wurden nach seinen Plänen gebaut und prägten den Charakter der Oberneustadt.

Simon du Ry

Simon Louis du Ry (1726-1799), Sohn von Charles du Ry, ist sicherlich der Bedeutendste aus der Familie du Ry. Nach Ausbildung in Stockholm und Bildungsreisen nach Frankreich und Italien kehrte Simon nach Kassel zurück und wurde nach dem Tod seines Vaters 1757 Oberhofbaumeister des Landgrafen (zunächst Landgraf Wilhelm VIII., ab 1760 Landgraf Friedrich II.).

Mit ihm hält der Klassizismus Einzug in Kassel. Wichtigstes und heute (nach dem Wiederaufbau) noch zu sehendes Exponat dieses Stils ist das Fridericianum (Fertigstellung 1779), das er im Auftrag von Friedrich II. als erstes der Öffentlichkeit zugängliches Museum schuf. Es nahm die Kunstsammlungen auf, die zum großen Teil von Wilhelm VIII., dem Vater Friedrichs II., zusammengetragen worden waren und die heute in Wilhelmshöhe zu bewundern sind.

Nachdem nach Beendigung des Siebenjährigen Kriegs (1756-63) im Auftrag des Landgrafen die Befestigungsanlagen geschleift worden waren, gestaltete Simon Louis du Ry die freigewordene Fläche mit Bau des runden Königsplatzes, des Friedrichsplatzes und der Königsstraße (die Benennungen weisen auf des Landgrafen Onkel Landgraf Friedrich I., den schwedischen König, hin). Dadurch gelang die Verbindung der Altstadt mit der barocken Neustadt.

Hofgeismar - Evangelische Akademie

In Hofgeismar entstand das Schlösschen Schönburg im Park Gesundbrunnen („Montcherie“, erbaut 1787-1789) dann im klassizistischen Baustil nach seinen Plänen. Es diente ursprünglich als Wohnsitz von Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel (seit 1803: Kurfürst Wilhelm I.) während seiner Aufenthalte in den Sommermonaten in Hofgeismar und beheimatet heute die Evangelische Akademie.

Weiteres noch vollständig erhaltenes Exponat der Arbeit Simon Louis du Ry´s ist die 1792 fertig gestellte Kirche zu Kirchditmold. Der Turm der Kiche,bei dem 1792 ein Geschoss weggelassen worden war, wurde nach einem Brand 1911 nach den Originalplänen du Ry´s mit dem zuvor geplanten weiteren Geschoss wieder aufgebaut.

Ebenso war er beteiligt am Bau des Schlosses Wilhelmshöhe, bei dem nach seinen Plänen die Seitenflügel (Weißenstein- und Kirchflügel) zwischen 1786 und 1792 entstanden. Seine Pläne für den Mittelbau wurden aber verworfen; gegen die endgültigen Entwürfe von H. Chr. Jussow, bei denen er keine Einheit mit den Seitenflügeln mehr sah, widersetzte er sich vergeblich.

Leider ist durch die Katastrophe des II. Weltkriegs das Meiste unwiederbringlich verloren gegangen, und beim Wiederaufbau von Kassel fehlte vielfach das Bekenntnis zur eigenen Geschichte. Aber wer mit offenen Augen durch Kassel geht, wird immer wieder auf den Namen du Ry stoßen.

Artikel

(Günther Kirchner, 2.6.2006)

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