Hauptbahnhof Kassel

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Himmelsstürmer am Kulturbahnhof

Der Haupt- und Kulturbahnhof in Kassel ist eigentlich der ehemalige Hauptbahnhof und der heutige Kulturbahnhof. Er diente mehrmals als Austellungsort der documenta.

Der heutige Kulturbahnhof war bis 1991 Kassels zentraler Kopfbahnhof, ehe alle Fernstreckenverbindungen über den neu erbauten Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe geführt wurden.

Inhaltsverzeichnis

Hauptbahnhof / Kulturbahnhof

Die große Durchgangshalle des Bahnhofs ist architektonisch von dem Stahlgerüst des Tonnengewölbes aus dem Jahr 1903 geprägt.

Im Bahnhof finden sich vielfältige Ausstellungsflächen, Kino und Gastronomie.

Zur Eröffnung des Kultur-Bahnhofs wurde auf dem Vorplatz das Kunstwerk der documenta IX installiert:
der Himmelsstürmer ("Man walking to the sky” von Jonathan Borofsky).

In jüngerer Zeit wurde der Bahnhof umgebaut und für die neue Regiotram unterhöhlt.

Geschichte

Hauptbahnhof Kassel Baustelle

1845

1845 begann man im Kurfürstentum Hessen mit dem Bau der ersten Eisenbahnlinie, der Friedrich-Wilhelms-Nordbahn, die von Warburg über Kassel und Bebra nach Gerstungen führte. 1850 konnte die Main-Weser-Bahn dem Verkehr übergeben werden. Als dritte Eisenbahnlinie wurde 1956 die „Hannoversche Südbahn“ eröffnet, die von Hannover über Hann. Münden nach Kassel führte. Die Eisenbahnlinien, die nun Kassel berührten, sollten zu einem zentralen Bahnhof geführt werden. Der belgische Chefingenieur Francois Splingard, der den Bau der Friedrich-Wilhelms-Nordbahn durchführte, entwarf zusammen mit seinem Landsmann Edmund Hacault die Idee für einen Zentralbahnhof unter gemeinsamer Verwaltung der verschiedenen Bahngesellschaften.

Der Architekt Daniel Engelhard machte 1845 den Vorschlag, den Bahnhof auf dem Möncheberg zu entrichten, in der Verlängerungsachse zur Friedrich-Wilhelms-Straße (heute Ständeplatz). Es sollte u.a. der Möncheberg untertunnelt werden. Das Tal der Ahna zwischen dem Kratzenberg und dem Möncheberg sollte mittels Dämme und Brücken überwunden werden. Die Bahnlinie sollte dann über die Friedrich-Wilhelms-Straße geführt werden und weiter nach Südwesten Kassel verlassen.

Der Plan scheiterte, weil Kurfürst Friedrich Wilhelm I. den neuen Bahnhof in der Nähe seiner Residenz am Friedrichsplatz haben wollte. Schließlich wurde der Standort für den Bahnhof am Nordhang des Kratzenberges ausgewählt, ein Gelände, das damals „in der Leimenkaute“ genannt wurde. Zunächst entstand ein provisorischer Bahnhofsbau in Form von Bretterbuden und Fachwerkprovisorien jeweils eine für die private Friedrich-Wilhelms-Nordbahn und eine für die staatliche Main-Weser-Bahn. Architekt dieser Bauten war Julius Eugen Ruhl. Am 18. August 1848 verließ der erste Eisenbahnzug Kassel. Reste dieses provisorischen Bahnhofs sind möglicherweise noch in der Franz-Ulrich-Straße erhalten. Ein Teil des alten Bahnhofs wurde abgetragen und in der Wilhelmshöher Allee 309 als Teil einer Gastwirtschaft wieder aufgebaut (nicht mehr erhalten).

Im April 1848 fiel die kurfürstliche Entscheidung für einen Zentralbahnhof. Von 1852 bis 1856 wurde dann ein stattliches Gebäude als Kopfbahnhof errichtet nach den Plänen des Hofbaudirektors Gottlob Engelhard. Gleichzeitig entstand ein nördlicher Bahnhofsflügel für die Hannoversche Südbahn. Gottlob Engelhard wurde 1812 in Kassel geboren und war der Sohn des Oberbaurat Daniel Engelhard. Später wurde Engelhard in die Bauabteilung der Regierung nach Münster versetzt. Dort starb er am 13. April 1876.

Der neue Bahnhof wurde im Rundbogenstil erbaut und war zur Zeit seiner Entstehung einer der größten Bahnhöfe Deutschlands. Der Backsteinbau wurde damals Oberstadt-Bahnhof genannt. Der Bahnhof besaß drei Bahnsteige mit vier Gleisen, je ein Gleis am Bahnsteig des Nord- und des Südflügels und zwei Gleise am nicht überdachten Mittelbahnsteig. Drehscheiben ermöglichten am Ende der Gleise die ankommenden Lokomotiven zu drehen und auf einem Nebengleis wieder an die Spitze des Zuges zu setzen. In den Seitenflügeln befanden sich die Wartesäle und ein Fürstenzimmer. In den Speisesälen konnte man innerhalb einer Viertelstunde eine Mahlzeit einnehmen. Wenn der Fahrplan ein Dinieren im Speisesaal nicht zuließ, konnte man bei Zugschaffner ein Speisekörbchen bestellen. Dieser klebte an jedes Abteilfenster einen Zettel an, auf dem die Anzahl der gewünschten Körbchen angegeben war.

Ein großes Ereignis erlebt der Bahnhof am 12. Januar 1875, als die sterblichen Überreste des letzten Kurfürsten von Prag nach Kassel überführt wurden. Nach der Annexion Kurhessens durch Preußen musste Kurfürst Friedrich Wilhelm Kassel verlassen. Er verbrachte seine letzten Jahre im Exil in Prag. Der Empfang des Sarges geriet am Bahnhof zu einer kurhessisch-patriotischen Demonstration. Schweigend wurde der Kurfürst zu seiner letzten Ruhestätte auf dem Altstädter Friedhof überführt. Eine ähnliche Veranstaltung fand 1882 statt, als der Sarg seiner Gattin, der Fürstin von Hanau, von treuen Kurhessen empfangen wurde.


Video: Unter dem Bahnhof

1890

1890 wurde das Bahnhofsgebäude leicht verändert. 1893 wurde die Perronsperre eingeführt, die den freien Zugang zu den Gleisen nur noch gegen ein Entgelt zuließ. Schon 1878 sperrte man die Bahnsteige ab, nachdem ein Opernsänger des Königlichen Theater vom Bahnsteig fiel und sich den Arm brach. Um weitere Schäden zu verhindern, führte der Direktor des Betriebsamts der Main-Weser-Bahn die Bahnsteigsperre ein. Aber auf Protest der Öffentlichkeit wurde sie wieder beseitigt, denn viele Bürger machten Spaziergänge zum Bahnhof, um die Züge zu bestaunen und seinen Nachmittagskaffee in der Bahnhofswirtschaft einzunehmen.

Der Protest führte aber trotzdem zu den Überlegungen, dass ein Bahnhof eigentlich für Reisende und nicht für Spaziergänger das sei. So entschloss man sich dann 1893 zu der Bahnsteigsperre. Um auf die Bahnsteige zu gelangen, musste man an verglasten Häuschen vorbei, in dem ein Beamter die Fahrkarten der Reisenden kontrollierte oder die käuflich erworbenen Bahnsteigkarten mit einer Zange lochte. Erst 1965 wurde die Bahnsteigsperre, die so genannte Perronsperre, aufgehoben.


1899

Hauptbahnhof Kassel mit alter Straßenbahn nach einer Ansichtskarte

Von 1899 bis 1903 fand ein Umbau des Empfangsgebäudes und der Gleisanlagen statt. Errichtet wurde eine Durchgangshalle als Verlängerung der bisherigen Eingangshalle. Am Querbahnsteig entstand ebenfalls eine neue Halle mit neuen Wartesälen. Erhalten haben sich bis heute die Westfassaden mit mehrfarbigen Klinkern. Auf der Südseite, wo sich heute die öffentlichen Toiletten befinden, sind die Wappen von Preußen und Hessen und ein Eisenbahnrad zu sehen. 1901 wurden die Bahnsteige überdacht und der Bahnhofsplatz neu gestaltet.

Wegen der Erweiterung der Gleisanlagen und einer neue Güterabfertigung wurde 1913 der Nordflügel abgebrochen. Der Querbahnsteig erhielt einen verlängerten Anbau, der u.a. Diensträume, zwei Wartesäle, einen Telegraphensaal und Übernachtungsmöglichkeiten für das Zugpersonal beherbergte. Als weitere Baulichkeiten entstanden ein Wagenschuppen für die Unterbringung des kaiserlichen Hofzuges und ein Postbahnhof (1914).

1939

Pompöses erlebte der Bahnhof im Juni 1939, als Adolf Hitler zum „Großdeutschen Reichskriegstag“ erwartet wurde. Das Bahnhofsgebäude wurde komplett eingehüllt in eine monströse Deko-Fassade mit NS-Symbolen auf rotem Stoffhintergrund. Doch Hitler kam dann überraschend nicht mit dem Zug, sondern landete mit einem Flugzeug auf dem Flughafen Waldau.

Der Zweite Weltkrieg brachte die große Katastrophe über den Bahnhof. Unter dem Bahnhofsplatz wurde eine weitläufige Bunkeranlage mit 2.800 Plätzen für die Zivilbevölkerung errichtet. Das Empfangsgebäude fiel den Bomben zum Opfer. Nach dem Ende des Krieges waren nur 20 % der Bahnhofsanlage in einem behelfsmäßigen Zustand.

1951

Der Bahnhof 1961 nach einer Ansichtskarte

1951 begann die Bundesbahn mit dem Wiederaufbau. Geplant wurde ein neuer Bahnhofsvorbau, der die erhaltenen Teile des alten Bahnhofes mit integriert. Von dem alten Bahnhof blieben u.a. der Südflügel, die Durchgangshalle, Teile des Wartesaalanbaus und die Bahnsteigüberdachungen erhalten. Entworfen wurde das neue Bahnhofsgebäude von Bundesbahnrat Dr. Ing. Friedrich Bätjer. Ein Reporter schrieb damals nach Abschluss der Bauarbeiten: „Wir wollen dem verrußten Backsteinkoloss keine Träne nachweinen.“ Der eindrucksvolle Neubau gereiche nicht nur der Bundesbahn, sondern auch der Stadt zur Ehre. Nicht nur die großen Fenster der hellen, freundlichen Halle, die als „Clou“ gefeierte Auskunft mit den Stahlrohrstühlen und Rauchertischen begeisterten die Kasseler und Durchreisenden jener Tage. Selbst die neuen, 15 Zentner schweren Fahrkartendruckmaschinen, die nicht mehr „luftwaffengrau“ waren, sondern „in resedagrünem Glanz prangen“, faszinierten das Publikum, das jahrelang nur Trümmer, Schutt und Ruinen gesehen hatte.

Die Schalterhalle war bereits als Weihnachtsgeschenk“ am 19. Dezember 1952 eröffnet worden – und zwar fahrplangerecht um Punkt 22.05 Uhr. Besondere Aufmerksamkeit erregte wiederum 1955 auch der „gewärmte Freisitz“ des am Pfingstsonntag eingeweihten neuen Henkel-Restaurants: Unter Infrarotstrahlern sollten die Gäste auch bei kühlerem Wetter im Freien sitzen können. Neben der neuen Schalterhalle bekam der neue Bahnhof 1955 auch ein „mit neuzeitlichen Wiedergabegeräten und Breitwand“ ausgerüstetes Kino, Hessens erstes Bahnhofskino.

Zu den Gleisen hin haben sich auch noch Teile der Klinkerfassaden erhalten, sowie der südliche Seitenflügel. Auch die Nordfassade mit seinen Tier- und Blumenmotiven entging der Zerstörung.

1958/1960 entstand als Abschluss der Ostfassade ein neuer Nordflügel (Entwurf Bundesbahnoberbaurat Dietrich Helbich). Er beherbergte u.a. die Kleiderkammer, Die Praxen der Bahnärzte und das Bundesbahnsozialwerk.

In der Schalterhalle befindet sich noch heute eine Wandmalerei von Bernard Delsing. Es zeigt in Pastelltönen Kassel als Zentrum Westeuropas: „Sternförmig spannt sich von hier aus ein Schienennetz zu näheren und fernen Metropolen, auf dessen Strahlen Dampf- und Diesellokomotiven in allen Richtungen schießen. Flankiert von den schematischen Darstellungen einer Gebirgs- und Seelandschaft, beschienen von Sonne und Mond und eingebettet in ein ornamentales Gefüge aus polygonalen Farbflächen sind in geographisch eigenwilliger Verteilung die auf wenige signifikanten Grundlinien reduzierten Stadtansichten von Köln, Frankfurt, London, Venedig, Paris, Rom zu erkennen. Mit seiner linearen Gebrochenheit von Formen und Farben und dem abrupten Wechsel von Stadt- und Landschaftsandeutungen scheint das Wandbild das fragmentierte Wahrnehmungserlebnis einer Bahnreise zu reproduzieren: Der beschleunigte Mensch verschwindet zwischen seinen Zielen. Der Komposition ist eine Struktur aus waagrechten blaugrünen Streifen und Linien unterlegt, der Anordnung wie die Spiegelungen in den Fensterscheiben eines fahrenden Zuges wirkt. Der Gesamteindruck von Delsings ‚Weltlandschaft‘ wird durch die kompositionelle nicht integrierte Uhr über dem mittleren Durchgang stark beeinträchtigt.“ (Kunst im öffentlichen Raum, Jonas Verlag).

1991 bis heute

Blick auf den Bahnsteig und den vielfach für Ausstellungen genutzten Südflügel des Kulturbahnhofs
Bahnhofshalle mit Fieseler Storch 2005
Die neue Fassade besteht aus einem Gerippe aus Stahlträgern und Fenstern. Wenn man das Bahnhofsgebäude betritt, findet man noch die alten Rundbögen von Gottlob Engelhard.

Als der neue Intercity-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe eröffnet wurde, verlagerte sich der Fernzugverkehr zu diesem neuen Bahnhof. Der Hauptbahnhof versank in die Bedeutungslosigkeit eines Regionalbahnhofes. Die Bahnhofsanlage verkümmerte, die Drogenszene siedelte sich hier an. Da kamen die Stadt Kassel und die Deutsche Bundesbahn auf die geniale Idee, den Hauptbahnhof in einen sogenannten Kulturbahnof umzuwandeln. Der Bahnhof wurde im Innern vollständig renoviert.

1995 wurde der neue Kulturbahnhof eröffnet
Das Bürgerfernsehen „Offener Kanal“, die Kneipe "Gleis 1", die Caricatura und das neue Bali-Kino gaben dem Kulturbahnhof neuen Glanz und eine großartige Belebung. 1997 zur documenta X entstanden im Südflügel neue Ausstellungsräume. Zahlreiche Feste und Feiern wurden bereits in der Bahnhofshalle veranstaltet.

Ärger mit dem Bodenbelag
Erst 2008 entstand eine neue Asphaltdecke vor dem Kulturbahnhof. Im Jahr 2010 waren schon deutliche Wellen und Vertiefungen zu sehen. Nach Angaben der Stadt wird die Baufirma die Kosten tragen und die Mängel ausbessern. Die Arbeiten sollen spätestens im Frühjahr 2011 vollendet sein.

Baugerüst steht seit 2006
Seit 2006 steht vor dem Kuba ein Baugerüst. Es diente vor allem dazu, die denkmalgeschütze, mit Muschelkalk-Platten verblendete Fassade abzusichern, weil sie bereits bröckelte.

Bahnhofsgaststätte Henkel

Um 1900 wurden die Bahnhofsgaststätten von dem Königlich Württembergisch Königl. Niederländisch Großh. Sächsisch, Fürstl. Waldeckische und Fürstl. Hohenzllernsche Hoflieferant Friedrich Ritter bewirtschaftet. Von 1903 bis 1917 war Gustav Klose Wirt in den Gastwirtschaften. Danach führte seine Witwe das Lokal, dann von 1925 bis 1941 war Klara Grötzner Wirtin im Hauptbahnhof. Am 1. Juli 1941 übernahmen die Brüder Wilhelm und Herbert Henkel die Gaststätten. Kurze Zeit später wurden die Betriebsräume durch die Bombenangriffe zum ersten Mal zerstört. Im Sommer 1942 wurde der neue Wartesaal mit einem festlichen Programm für Verwundete wieder eröffnet. Die Bahnhofsgaststätten erhielten eine neue, freundlichere Ausstattung. Am 22. Oktober 1943 wurden die Räumlichkeiten abermals zerstört. Nur die Küche war schnell wieder betriebsfertig und so konnten bereits am nächsten Abend 1800 Essen ausgegeben werden. Auch der große Wartesaal 3. Klasse wurde schnell wieder aufgebaut. In dieser Zeit war der Kasseler Hauptbahnhof der einzige Bahnhof in Deutschland, auf dem es bis zwei Uhr in der Nacht noch ein warmes Tellergericht gab.

Am 1. August 1948 wurde durch die Brüder Henkel in der Eingangshalle des Bahnhofs die große Konditorei eröffnet und Ende 1949 konnte die Henkelsche Bahnhofsgaststätte wieder in Betrieb genommen werden. Die Ausstattung gestalteten Paul Bode und Arnold Bode. In den 50er Jahren war das Henkel-Restaurant mit seinen „Henkel-Sälen“ bekannt für seine Feiern zu Silvester und Karneval. Als am 29. Juni 1953 Wilhelm Henkel verstarb, musste sein Bruder Herbert den Betrieb alleine weiterführen. Ab 24. Juni 1953 führte er auch das Rasthaus Kassel-Söhre an der Autobahn. Als das Restaurant im Hauptbahnhof geschlossen wurde, ging in Kassel eine große Gastronomen-Ära zu Ende. Heute befindet sich hier der „Offene Kanal“. Von der Inneneinrichtung haben sich die Bar, der Treppenaufgang, Teile der Möblierung und die Türen erhalten.


siehe auch

Weblinks


Rosmarie Stiehl

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